Die eigene Kultur neu erleben!

 

Kennt ihr das…? Wenn man verliebt ist, sieht man alles Mögliche – ganz Alltägliches – mit anderen Augen.

Routinierte Verrichtungen, die gewohnte Umgebung, das eigene Leben, das alles sieht man in einem neuen Licht, stellvertrend mit dem Augen des Anderen.

Plötzlich ist alles ein bisschen fremder, es ist neuer, spannender und man hinterfragt Dinge, die man jeden Tag übersieht oder gedankenlos ausführt.

Das Eigene mit einem verfremdeten Blick zu sehen – was sich beim Verliebtsein zu Anfangs oft automatisch einstellt – lässt sich auch auf die eigene Kultur anwenden und bewusst fördern.

 

Seit meiner Begeisterung für Marokko, hat sich mein marokkanisches Netzwerk auch nach Deutschland ausgebreitet und ich entdecke mein eigenes Land und die mir gewohnte deutsche Kultur durch „marokkanische Augen“ ein Stückchen neu.

So habe ich zum Beispiel begonnen, deutsche Städte (neu) zu entdecken. Ich habe Frankfurt – vermutlich die marokkanische City Nummer 1 in Deutschland – besucht, ich war dort bei Tinariwen und habe gelacht, als ich mitten in Deutschland Tamazight gehört und verstanden habe.

https://www.ditib-pforzheim.de/deutsch-1/bildergalerie/

In Stuttgart saß ich über eine Stunde in einem Schuhladen – statt Tee gab es Saft – im Gespräch mit zwei Marokkanern. Den einen davon (Hallo Tarek!) werde ich bald in Marokko in seinem Kindergarten in Tanger besuchen.

Und diese Woche war ich mit einer Freundin das Freitagsgebet in der deutsch-türkischen Fatih-Moschee in Pforzheim besuchen…

 

Ich störe mich oft an der Engmaschigkeit und der Unflexibiliät des deutschen Systems und Denkens, was sich meinem Empfinden nach durch sämtliche Bereiche des deutschen Lebens zieht.
Im Herzen fühle ich mich meinem Land oft nicht wirklich zugehörig.

 

Es gibt jedoch so viele Möglichkeiten die eigene Kultur bewusster und neu zu erleben.

Wenn ich in eine Moschee gehe und danach mit Kopftuch nach Hause fahre, ist das nicht ein Zeichen die eigene Kultur oder meine Religion zu verleugnen, sondern für mich eine Möglichkeit, auszuprobieren mit anderen Augen zu sehen und dadurch wiederum Eigenes und Gutes bewusster wahrzunehmen und gleichzeitig meine eigene Kultur mit neuen Elementen zu bereichern.

 

 

 

 

 

Die Karawane zieht weiter!

لقافلة تسير و الكلاب تنبح

Bildergebnis für ‫القافلة تسير والكلاب تنبح‬‎

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich hatte euch
die Geschichte von Zaid und mir
erzählt und  meine Fragen geschildert, mit denen ich zurück bleibe.

 

Neben den Kommentaren hier auf dem Blog, habe ich in diversen Facebookgruppen unterschiedlichste Antworten erhalten. Was ich hierbei total spannend finde:

Die europäischen, von Frauen verfassten Überlegungen zielten alle darauf ab, sich in Zaids Situation hineinzuversetzen und sein Verhalten – ohne eines Unterstellens schlecher Absichten – zwar nicht entschuldbar, aber doch nachvollziehbar zu machen. Die Statements der Männer hingegen, überwiegend Marokkaner, verwiesen kurz und präzise auf eigennützige Motive und eines durchaus absichtlichen und bewussten Handelns.

Die „Wahrheit“ werde ich vermutlich niemals zu erfahren. Meine Überlegungen waren ebenso wie die der anderen Frauen wohlwollend – daher auch die Frage nach Kultur, die dies vielleicht „entschudigen“ könnte -, mittlerweile bin ich jedoch bei dem männertypischen und harten Fazit angekommen.

Ich will dieses Kapitel nun mit der für mich einleuchtendsten Erklärung und einem arabischen Sprichwort beschließen:

 

Al 9afilate tasir wa lkilabo tanbah.

Die Karawane zieht weiter, die Hunde bellen…

 

Muhas und mein Weg geht weiter, und zwar gemeinsam als Freunde. Wir haben diese Geschichte überlebt und das Zusammenhalten danach hat unsere Freundschaft tatsächlich stark gemacht.

 

Einen letzten „Beller“ gab es übrigens noch: Zaid hat sich nach Erscheinen des letzten Artikels bei mir gemeldet.
Er hat Angst, dass Bekannte die Geschichte mit ihm in Verbindung bringen und will mir unterbinden, weiter hiervon zu schreiben.
Lieber Zaid, Mustapha, Tarek oder sonst wer (such dir einen Namen aus): Es gibt nichts mehr zu sagen! Alles ist gesagt.
Und ich frage dich: Wie könnten andere diese Geschichte dir zuordnen, ist doch dein Name hier erfunden und gewisse Umstände verändert? Nur die unmittelbar Beteiligten wissen davon – Muha, du und ich -, ach ja: und natürlich diejenigen, denen man außerdem davon erzählt hat.
Ich habe nach diesem Erlebnis meine Lehre erhalten und niemandem mehr etwas erzählt. Zaid ist und war der erste und letzte, dem ich mich anvertraut hatte. Und wenn du, Zaid, nichts erzählt hast – wie du immerzu betonst – brauchst du ja keine Befürchtungen zu haben.